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Die Welt mit anderen Augen sehen

    (Vorwort von Howard Rheingold in "Stereogramm",
    ISBN 3-7607-1106-5,
    © 1994 für die deutsche Ausgabe arsEdition AG, CH-6301 Zug
    Dieser sowie weitere mit (*) gekennzeichnete
    Texte und Abbildungen des Buches
    mit freundlicher Genehmigung des
    Verlages arsEdition GmbH, München )

Das menschliche Gehirn ist der unglaublichste „Apparat“ im Erzeugen von virtuellen Realitäten, der uns jemals untergekommen ist. Lange wurde nach einer Technik gesucht, mit der man auf künstlichem Wege denselben Effekt erzielen kann, wie es der menschlichen Wahrnehmung auf natürliche Weise gelingt.

In jeder Sekunde meines Wachzustandes wandelt mein Gehirn die Ströme von Sinneseindrücken, die von beiden Sehorganen, zwei Organen des Gehör- und Gleichgewichtssinnes sowie von unzähligen weiteren Sinneszellen aufgenommen werden, in ein dreidimensionales Modell um, in dessen Mitte ich mich befinde und das ich als „Realität“ betrachte.

Schon die steinzeitlichen Höhlenmaler versuchten, dreidimensionale Illusionen zu erzeugen. Man denke nur an die berühmten Malereien von Lascaux, die vor rund 15000 Jahren entstanden. Sie wurden bewußt auf dreidimensionale Steinschichten gemalt. Auf diese Weise wirken sie beim Licht flackernder Kerzen verblüffend plastisch und lebendig.

Das dreidimensionale Sehen ist ein natürliches Produkt unseres Wahrnehmungsapparates und gleichzeitig eine angelernte Fähigkeit. In den ersten Lebenswochen müssen wir lernen, die Augenmuskeln, die Handbewegungen und die geistigen Eindrücke zu koordinieren. Sehr schnell lernen wir, die Umwelt dreidimensional zu sehen. Diese Fähigkeit werden wir ein Leben lang behalten.

Bildhauerkunst, Malerei (besonders die perspektivische Darstellung seit der Renaissance), Photographie, Kino und jetzt auch die Technologie zur Erzeugung virtueller Realitäten helfen, unsere Wahrnehmungsmodelle von der Welt optisch festzuhalten. Eine bedeutende Technik der virtuellen Realität ist die Stereographie. Die Kunst und die Wissenschaft vom Erzeugen stereoskopischer Bilder ist älter als die Photographie. Europäische Maler experimentierten mit der Stereoskopie schon lange vor der Erfindung photographischer „Stereobildpaare“, aber die Stereoskopie als Kunstbewegung begann sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Londoner Weltausstellung zu etablieren.

Das Prinzip der Stereoskopie ist ganz einfach. Wir sehen die Welt mit zwei Augen, wobei jedes Auge die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Erst das binokulare (beidäugige) Sehen ermöglicht es uns, die Welt in drei Dimensionen wahrzunehmen. In unserem Gehirn verschmelzen diese beiden, von den Augen gleichzeitig aufgenommenen Bilder zu einem einzigen, dreidimensionalen Abbild.

Die Stereographie beruht auf der Tatsache, daß unser Gehirn alle Informationen zusammenfaßt, die unsere beiden Augen aus unterschiedlicher Perspektive erreichen. Wenn Sie denselben Gegenstand von verschiedenen Standpunkten aus photographieren (wobei die Entfernung zwischen den Standpunkten so groß sein soll wie der Abstand zwischen den beiden Augen) und dann die beiden Photos aus einer sehr kurzen Entfernung betrachten, verschmelzen beide Bilder zu einem Bild. Die Ära der virtuellen Realität begann, als die Computergraphik so weit  fortgeschritten war, daß sie bewegliche Bilder für die stereoskopische Projektion liefern konnte. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Stereographie und virtueller Realität. Die virtuelle Realität imitiert das menschliche binokulare Sehen mit zwei computergestützten Abbildungen, wobei für jedes Auge eine Abbildung gedacht ist. Ebenso ist beim Stereogramm für jedes Auge ein Bild vorgesehen. Dadurch wird beim Betrachter der Eindruck erweckt, ein einziges, dreidimensionales Bild zu sehen. Stereogramme sind also eine Art virtuelle Realität ohne Computerunterstützung.

Zufallspunkte-Raumbilder basieren auf der Tatsache, daß der Sehprozess, der in unserem Gehirn abläuft, ganz stark auf diejenigen Elemente fixiert ist, die im rechten und linken Blickfeld identisch sind. Werden nun zwei identische, aber versetzte Punktmuster links und rechts von einer Schar zufällig angeordneter Punkte eingesetzt, entstehen solche Zufallspunkt Bilder Sie erscheinen auf den ersten Blick wie ein zweidimensionales Punktwirrwarr, bis man sie auf die richtige Art und Weise betrachtet. Das faszinierendste an den zufallspunkt-Bildern ist, daß sie das Betrachten bezaubernder 3-D-Illusionen ohne Hilfe von speziellen Brillen oder anderen optischen Hilfsgeräten ermöglichen. Man muß nur lernen, die Augenmuskeln zu entspannen und den Blick frei wandern zu lassen. Für manche Bilder benötigt man auch etwas Übung. So habe ich über mehrere Tage hinweg täglich einige Minuten versucht, das Gehirn auf die entsprechende Methode einzustellen, bis ich die dreidimensikolnalen Figuren, die in den vorliegenden Stereogrammn enthalten sind, sehen konnte. Erst als ich meinen Blick entspannte und frei wandern ließ, erschienen vofr meinen Augen versteckte Figuren, die oberhalb und unterhalb der Buchseiten frei im Raum zu schweben schienen.

Es war ein bewegender Moment, als sich zum ersten Mal meine Augen in der richtigen Position einstellten und ich eine versteckte 3-D-Figur in einem Zufallspunkt-Stereogramm sah. Worte und Figuren hoben sich von dem chaotischen Hintergrund ab und bauten sich in räumlicher Anordnung in unterschiedlichen Schichten und Ebenen vor mir auf. Dieser Effekt hatte eine einschneidende Wirkung auf mein Bewußtsein. Er erinnerte mich daran, daß unser Bild von der Welt bestimmt ist durch die Art und Weise, wie wir sie zu sehen gelernt haben. Ich erkannte, daß es auch noch andere Betrachtungsweisen der Welt, ja andere Dimensionen direkt vor unseren Augen gibt. Aus diesem Grund und weil die Art von Konzentration, die zum Betrachten von Stereogrammen nötig ist, eine ganzheitliche Entspannung erfordert, kann die Beschäftigung mit Stereogrammen als meditative Übung angesehen werden. Wenn Sie die Art und Weise verändern, mit der Sie die Welt sehen - Sie wandeln eine flache Seite mit willkürlichem Muster in ein gegenständliches 3-D-Bild um - nimmt auch Ihr Bewußtsein die Umwelt auf eine neue Weise wahr. Die hohe Qualität der Bilder in diesem Buch stellt de neuesten Standard von Zufallspunkt-Bildern, Stereobildpaaren, Farbfeldstereogrammen und Stereotapeten dar. Eine große Überraschung war für mich, daß der berühmte surrealistische Maler Salvador Dalí sich in den letzten Jahren seines Wirkens intensiv dem Malen stereoskopischer Gemälde widmete. Zuvor hatte ich keines dieser Gemälde als Stereobildpaar erkannt. Lassen auch Sie sich von den 3-D-Illusionen verzaubern, und tauchen Sie ein in die Welt der Stereogramme.

Obwohl das dreidimensionale Sehen schon lange zuvor Gegenstand von Untersuchungen war, gelang der wahre Durchbruch der Stereoskopie erst 1838, als Sir Charles Wheatstone die Technik der Stereobildpaare und den Stereobetrachter erfand. Ein Jahr danach, 1839, wurde die Photographie erfunden. Die Entwicklung der Stereobildpaare ging einher mit der Entwicklung der Photographie. Die Stereokamera wurde fast zur gleichen Zeit erfunden wie die normale Kamera. 1856 wurden Stereobetrachter zum ersten Mal für den Markt produziert, und 1893 wurde die Londoner Stereoskopische Gesellschaft gegründet. Die Zahl der Stereofreunde nahm schnell zu. Die unzähligen Landschaftsbilder, Portraits und Schnappschüsse erfreuen sich noch heute ungebrochener Beliebtheit.

Was hat es mit den Stereophotographien auf sich, die uns schon seit so langer Zeit begeistern?

Das Ziel der Stereophotographie ist es, einen stärkeren Eindruck von der Realität zu schaffen, so als wäre man wirklich vor Ort. Sie soll das Gefühl vermitteln, dem Gesehenen ganz nah zu sein, es sogar berühren zu können. Die Stereophotographie erzeugt jedoch auch noch einen anderen Effekt. Beachten Sie den Unterschied bei einem Bild, das sie einmal stereoskopisch und einmal normal betrachten. Das ganze Bild scheint bei stereoskopischer Betrachtung viel klarer und deutlicher zu sein, weshalb wir Details erkennen, die wir vorher nicht wahrgenommen haben. Erst jetzt wird klar, was alles in einem scheinbar einfachen Bild stecken kann.

Da zum Betrachten solcher Stereobildpaare jedoch immer eine spezielle Technik oder eine besondere Ausrüstung vonnöten wahr, blieben sie nichts weitere als Kuriositäten. Dabei scheint in ihnen ein enormes Potential zu schlummern: ein neuartiges Medium mit direktem Zugang zum menschlichen Gehirn.

Die computergestützte Entwicklung von Stereogrammen – das sind zweidimensionale Einzelbilder, die, bei richtiger Betrachtung, dreidimensional erscheinen, auch ein- oder mehrfarbige Muster, die verborgene dreidimensionale Formen enthalten – hat das allgemeine Interesse an der Stereographie wiederbelebt und durch eine Vielzahl von Veröffentlichungen vor einigen Jahren zu beachtlicher Popularität des „3D-Sehens“ ohne technische Hilfsmittel beigetragen.

 

Wie sehe ich ein Stereogramm? (*)

Das Stereosehen wird allein durch die Anwendung von zwei Blicktechniken ermöglicht: durch die Paralleltechnik oder die Schieltechnik.

Die Paralleltechnik (Abb.1) (*)

Bei dieser Technik sollen die Blickrichtungen beider Augen parallel zueinander laufen - dieser Effekt stellt sich ein, wenn Sie in die Ferne blicken.

Die Schieltechnik (Abb.2) (*)

Bei dieser Technik schielen Sie nach innen, so daß sich die Blickrichtungen beider Augen kreuzen.

Technik Stereo sehen

Der Unterschied (*)

Die Eindrücke der Dreidimensionalität, die durch die Parallel- und Schieltechnik entstehen, sind jeweils eine Umkehrung der anderen.

Das besondere an Stereogrammen, die für das Betrachten mit der Schieltechnik gedacht sind, ist die Tatsache, dass bei Ihnen die Größe keine Rolle spielt. Da es aber unmöglich ist, den Augenwinkel weiter als auf parallel zu schalten, wird es sehr schwierig, ein Stereogramm mit der Paralleltechnik zu betrachten, bei dem die korrespondierenden Bildpunkte weiter auseinander liegen als die Augen.

Der Trick beim stereoskopischen Sehen (*)

Der Trick sowohl bei der Parallel- als auch bei der Schieltechnik ist, daß jedes Ihrer Augen zur gleichen Zeit auf eine andere Stelle gerichtet ist. Mit anderen Worten: Jedes Auge erhält eine andere Information.

Aber auch wenn wir die Welt „normal“ betrachten, sieht jedes Auge ein leicht abweichendes Bild. Das ist so, weil unsere Augen einige Zentimeter auseinander liegen und daher alle Objekte aus einem anderen Winkel sehen. Dieses Phänomen wird „binokuläre Parallaxe“ genannt.

Vorbereitung (*)

Jeder, der wirklich will, kann die Technik des Stereosehens erlernen. Es ist wichtig, daß Sie die Augenmuskeln entspannen. Hier einige Empfehlungen:

  • Sichen Sie sich einen ruhigen, hellen Platz.
  • Setzen Sie sich aufrecht hin, und halten Sie das Bild so, daß es gleichmäßig beleuchtet ist.
  • Halten Sie das Bild in Augenhöhe.
  • Versuchen Sie nicht mit Gewalt, sofort etwas sehen zu wollen! Wenn Sie Schwierigkeiten haben, machen Sie eine Pause, und denken Sie an etwas anderes.

Es kann Ihnen auch helfen, das Buch etwas weiter weg zu halten als sonst. Wenn Sie normalerweise eine Brille tragen, so versuchen Sie es doch mal ohne. Allerdings bleibt Ihre Sehschärfe durch das Stereosehen unverändert, so daß Sie bei entsprechender Entfernung auch nur mit Ihrer Brille scharf sehen können.

Versuch zur Paralleltechnik (*)

Halten Sie das Blatt an die Nasenspitze. Starren Sie einfach geradeaus in eine imaginäre Ferne, und bewegen Sie dabei das Blatt langsam von der Nase weg. Bei einer gewissen Entfernung werden aus den vier Punkten wieder drei. Halten sie nun das Blatt in dieser Entfernung still, und lassen sie weiterhin ihre Augen auf Entfernung eingestellt – nach kurzer Zeit wird das räumliche Bild von alleine im Blickfeld erscheinen.

Versuch zur Schieltechnik (*)

Bilden Sie aus Ihrem Zeigefinger und Daumen einen Kreis, und halten Sie diesen zwischen Ihre Augen und das Blatt. Schließen Sie nun abwechselnd immer ein Auge, und regulieren Sie dabei die Stellung der Hand, bis Sie mit dem rechten Auge den linken Punkt in der Mitte des Kreises und mit dem linken Auge den rechten Punkt in der Mitte des Kreises sehen. Wenn Sie diese Stellung gefunden haben, öffnen Sie beide Augen, und starren Sie auf die Mitte des Kreises (nicht auf das Blatt!). Jetzt sollten Sie einen einzigen Punkt in der Mitte des Kreises sehen. Wenn sich dieser stabilisiert hat, öffnen Sie den Kreis ganz langsam und bewegen die Hand zur Seite, ohne jedoch den Blickwinkel zu ändern. Jetzt müssen Sie nur noch warten, bis das dreidimensionale Bild vor Ihren Augen erscheint.

Die Praxis

Probieren Sie mit der Zeichung Ai (das chinesische Schriftzeichen für „Liebe“) von Wladimir Tamari aus dem Buch „Stereogramm“ von arsEdition die beiden verschiedenen Betrachtungstechniken aus und lassen Sie sich vom Ergebnis überraschen:

(*)

Paralleltechnik       

 

ai Schieltechnik

Schieltechnik
      

 

 

ai Paralleltechnik